Neujahrsemfang 2017 für die MitarbeiterInnen

Rede von P. Abraham

Liebe Gemeinde,

"Ihr seid das Salz der Erde!"; "Ihr seid das Licht der Welt!" Ist das die biblische Aufforderung zum Ende der Bescheidenheit? Eine Empfehlung, sich selbst möglichst gut zu vermarkten? Sollen die Kirchen angesichts zunehmender Kirchenaustritte, eine neue Imageoffensive starten? „Lasst Euer Licht leuchten!“ Die Menschen müssen eure guten Werke sehen! Nicht mehr so langweilig daherkommen, sondern „spicy“, gut gewürzt, kraftvoll!

Rede

Mit dieser Textstelle ist ganz sicher etwas anderes gemeint.
Obwohl der Text insgesamt einen fordernden Charakter hat, findet sich nirgendwo ein Imperativ. Es wird lediglich etwas festgestellt, was gleichwohl als Erwartung an uns herangetragen wird. „Ihr seid das Salz der Erde!“
Es heißt nicht: „Ihr sollt das Salz der Erde sein! Also strengt euch mal ordentlich an!“; es heißt auch nicht: „Eigentlich könntet Ihr das Salz der Erde sein, Ihr habt das Potential dazu – wenn ihr nur nicht so bequem und so faul wärt!“ Nein, es handelt sich um eine Feststellung. Das seid ihr! Salz der Erde! Licht der Welt! Ganz sicher! Daran gibt es keinen Zweifel! Verlasst euch darauf!

Man könnte diese Verse vielleicht so zusammenfassen: „Werde, der du bist!“
Du musst gar nicht mehr viel dazu tun. Du musst es eigentlich nur geschehen lassen. Sei ein Licht in dieser Welt! Auf dich kommt es an! Dein Wirken ist so lebensnotwendig wie Sonne und Salz. Du wirst dringend gebraucht!
Warum fällt es uns aber so schwer, dieser sensationell ermutigenden Botschaft zu trauen?
Vielleicht haben wir alle schon so viel am Hals, dass uns das zusätzliche Salz- oder Lichtprojekt scheinbar einfach überfordert.

Kann uns da der Evangelientext denn helfen, nicht in Resignation zu verfallen.
Jesus sagt: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Es heißt ausdrücklich nicht: „Du bist das Licht der Welt!“
Nicht die Genialität des Einzelnen ist also entscheidend. Nur gemeinsam entsteht so viel Licht, dass wir das Dunkel der Welt erhellen können.  
Über den Zahlen von Kirchenaustritten übersehen wir gerne, dass es anderen nicht besser geht. Gerade einmal 1,8 Prozent der Deutschen gehören einer politischen Partei an. Auch Gewerkschaften und Sportvereine klagen über Mitgliederschwund. Gleichzeitig zeigen aber Befragungen von Jugendlichen, dass die Sehnsucht nach stabilen Familienverhältnissen und nach Freunden, auf die man sich verlassen kann, enorm zugenommen hat. Der Wunsch, gemeinsam zu handeln, wächst. Gemeinsam sind wir Licht der Welt, Salz der Erde, nicht als einsame Stars.  

Wichtig dabei ist: Wir sind es nicht, die das Licht, das wir sind, erzeugen! Wir sind nur „Licht der Welt“, wenn wir von der Gnade Gottes beschienen werden. Wir erzeugen das Licht nicht – wir reflektieren es nur. Wir sind nicht unsere eigene Lichtquelle. Wie Glühbirnen in unseren Wohnungen sind wir nur dann imstande, Licht zu spenden, wenn wir mit einer Energiequelle verbunden sind.

Wer „Licht für die Welt“ sein will, der muss einsehen, dass er mehr empfangen hat, als er je weitergeben kann. Er muss ein Gespür für jene Kraftquelle haben, aus der wir leben, einem gnädigen Gott, der gegen alle Finsternisse diese Welt mit seinem göttlichen Glanz erhellt und auch uns bescheint.

Wer ein Licht in der Welt sein will, der wird sich allerdings um Klarheit bemühen müssen. Diese Klarheit erreicht man nur, wenn man sich seine eigenen Motive hinreichend bewusst gemacht hat – und wenn das, wofür man eintritt, authentisch ist.
Wir alle wissen, Licht schenkt nicht nur Helligkeit, Licht spendet auch Wärme. Christen, die ein Licht in der Welt sein wollen, werden also liebend, tröstend und fürsorgend unterwegs sein: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten. Es gibt also wahrlich viel zu tun!
Ist da die Erschöpfung beim Blick in unsere Welt nicht vorgegeben?
Man wäre ja gerne das Licht der Welt. Man möchte eine Welt ohne Grenzen und ohne Krieg haben – aber das Scheitern an den eigenen Idealen ist deprimierend.
Wie soll man angesichts so vieler Dinge, die nicht in Ordnung sind, angesichts so vieler dunkler Nachrichten, noch Licht der Welt sein?

Der Erschöpfung entgehen wir nur, wenn wir uns immer wieder der Kraftquelle versichern, die uns überhaupt erst zu einem Licht in der Welt macht.

Mitarbeiterempfang

„Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.“ Eine Zusage. Und ein Auftrag.
Es ist keine Aufforderung immer im Rampenlicht zu stehen. Oft bleiben diese kleinen Dinge für die große Bühne unsichtbar, so wie das Salz, das in der Speise, die es konserviert und würzt, auch nicht mehr erkennbar bleibt, wenn es sich auflöst. Und dennoch gibt es dem Ganzen einen anderen Geschmack. Einen Geschmack von einem Leben, das Sinn macht. Einen Geschmack, der es Menschen möglich macht, doch an eine Güte zu glauben und ihr zu danken. Der Macht, die stärker ist als Dunkelheit und Leere. Der Güte Gottes.

So oder so: nicht wir sind es, die das Leuchten vollbringen und die Würze ins Leben, sondern Gott selbst. Wir wirken aber dabei mit.

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