Thomas und das Kalenderblatt

Alles wie immer, denkt Thomas am Morgen. Und irrt sich. Er steht auf, geht ins Bad, später zum Frühstück. Dann kommt, was immer kommt. Er geht zum Kalender und reißt ein Blatt ab. Mit dem Tee in der Hand. Auf dem neuen Blatt steht ein Satz, den er liest, aber nicht richtig. Er nimmt das Blatt mit auf seinen Platz, schmiert sich ein Brot und noch eins für die Arbeit. Als er sein Brot einpackt, liest er das Blatt noch einmal. Da steht: Alles Böse hat seinen Ursprung in einem verächtlichen Blick. Thomas kaut sein Brot, trinkt Tee und weiß nicht. Er packt die Tasche und fährt ins Amt. Es ist wie immer.

Ist es aber doch nicht. Auf der Fahrt und im Büro bleibt ihm der Satz hängen, irgendwo im Gedächtnis: Alles Böse hat seinen Ursprung in einem verächtlichen Blick. Thomas arbeitet im Jobcenter. Heute kommen wieder Kunden, Menschen, die Arbeit suchen. Viele wollen arbeiten, andere kommen, um ihre Unterstützung nicht zu verlieren. Thomas kennt seine Leute. Schaut sie sich an und hat schnell einen Eindruck. Vielleicht zu schnell, denkt er.

Der Satz macht ihm zu schaffen. Thomas weiß nicht genau, wie er aussieht, wenn er „seine“ Leute anschaut. Kann es sein, fragt er sich, dass ich manchmal so gucke wie von oben herab? Ich auf meinem sicheren Stuhl, andere die Bittsteller. Das könnte sich einschleichen mit den Jahren, fürchtet Thomas. Das Kalenderblatt liegt auch in der Mittagspause noch neben ihm. Alles Böse hat seinen Ursprung in einem verächtlichen Blick. Thomas weiß, dass er so nicht sein will. Für Hochmut gibt’s keinen Grund. Als könnte ich etwas dafür, dass ich Arbeit habe, dass es mir gut geht. Als hätte ich das verdient. Jetzt klopft der nächste Kunde an die Tür. Thomas prüft kurz seinen Blick und ruft ihn herein.

Michael Becker