Die Pfarrkirche St. Quirin und ihre Geschichte

Mittelpunkt jeder christlichen Gemeinde ist ihr Gotteshaus. Aubings Pfarrkirche steht seit mehr als 500 Jahren auf dem höchsten Punkt des Lehmriedels, auf dem sich das Aubinger "Oberdorf" entlang der Ubostraße hinzieht.

Trotz ihres Alters ist St. Quirin nicht die erste Kirche Aubings, denn ihr der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zugeschriebener Turm stammt noch von der Vorgängerin, über die wir sonst nichts weiter wissen. Diese Vorgängerkirche fiel 1422 einer wittelsbachischen Familienfehde zum Opfer, bei der Herzog Ludwig im Bart von Baiern-Ingolstadt die westlichen Münchner Milchdörfer bis hinauf nach Gauting in Schutt und Asche legen ließ. Der Baumeister, der an den erhalten gebliebenen Turm ein neues Langhaus stellte, ist archivalisch nicht überliefert. Stilkritische Vergleiche (z. B. Marienkirche Gauting) lassen an den zu dieser Zeit in unserer Gegend recht aktiven "Mawrer" Sylvester Schöttl von Holzkirchen bei Alling denken.

Dem Stand der Baukunst auf dem Lande folgend, baute er eine rechteckige Halle mit östlich vorgesetztem, eingezogenem Chor. Die Dachlast leitete er in getreppte Außenpfeiler ab, die allerdings nur mehr auf der Nordseite zu sehen sind. Das innere Deckengewölbe, eine durchgerundete Tonne, liegt auf einem Kreuzrippenwerk, das auf flachen, gekehlten Pilastern mit vorgelegten Halbsäulen ruht. Das solcherart entlastete Mauerwerk und tiefe Stichkappen erlaubten hohe Fenster, die nur im Chorbereich von schlichtem Maßwerk geziert sind.

Es ist denkbar, dass der für eine romanische Kirche ungewöhnlich hohe Turm erst beim Neubau der Kirche aufgehöht und mit zeitgenössischer, gotischer Dekoration versehen wurde. Für diese Annahme sprechen die aus Ziegel gemauerten Bogenfriese und die zugespitzten Schallarkaden des Glockengeschosses. Die das Südportal schützende, recht graziöse Eingangshalle, die ursprünglich noch ein Beinhaus barg, dürfte aus der Bauzeit stammen. In die Schultern zwischen Langhaus und Chor wurden später zweigeschossige Anbauten gefügt, nördlich ein Oratorium, südlich die Sakristei. Diesen Anbauten fiel die erste Fensterachse des Chores zum Opfer, wodurch dieser von außen stark verkürzt erscheint. Die Weihe der neuen Kirche durch den Freisinger Weihbischof Ulrich ist für den 9. August 1489 urkundlich verbürgt.

Die Verlängerung des Langhauses vom Turm um ein fünftes Joch nach Westen wurde 1936/37 nach Plänen von Michael Kurz ausgeführt. So tritt uns St. Quirin heute als wenig gestörter, etwas behäbiger Bau der Spätgotik entgegen, wie er für die zahlreichen Landkirchen der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zwischen Würm und Amper charakteristisch ist. Die ursprüngliche Größe dieses Kirchenbaus erschließt sich allerdings erst, wenn man ihn in Beziehung setzt zu den einfachen, im 15. Jahrhundert nur erdgeschosshohen Wohnhäusern des Dorfes.

Man betritt St. Quirin am besten durch das Westportal. Verhalten wir unter der Empore, öffnet sich ein weiter, heller Raum, dessen gotische Strenge die fast gänzlich barocke Ausstattung umso g1anzvol1er hervortreten lässt. Die Raumwirkung des Langhauses wird bestimmt durch die klare Struktur von gelbem Netzrippenwerk und Wandpfeilern auf weißem Mauerwerk. Das war nicht immer so. Zwischen 1580 und 1594 wurde die Kirche zu einer regelrechten Biblia Pauperum ausgemalt. Reste dieser Malereien sind noch an einem Fenster der Südwand zu sehen. Sie stellen, von unten nach oben, die bekannten Kirchenlehrer Gregor und Hieronymus, die nicht näher bekannte Stifterfamilie und eine Verkündigungsszene dar. Die Fensterlaibungen waren ebenfalls reich bemalt.

An die ursprünglich gotische Ausstattung von St. Quirin erinnern noch der heute in der nordwestlichen Nische unter der Empore durch ein qualitätsvolles, modernes schmiedeeisernes Gitter des örtlichen Schmiedemeisters Jakob Mayr geschützte Altarschrein der Hl. Ursula und ihrer Gefährtinnen von 1499 und der Taufstein aus Rotmarmor im Presbyterium. Wohl bei der Wiederherstellung nach den Verwüstungen des 30jährigen Krieges (1618-48) kam der frühbarocke Hochaltar mit der Darstellung des Kirchenpatrons, des Hl. Quirin, in die Kirche. Der Meister des Kunstwerkes ist nicht bekannt. Er hat den römischen Kaisersohn und Martyrer im prunkvollen Brustharnisch mit Krone, Zepter und Reichsapfel dargestellt, assistiert von zwei Engelsbuben. Das Gemälde im Hintergrund zeigt die Dreifaltigkeit. Auf Seitenkonsolen des reich vergoldeten Altaraufbaues finden wir die Hl. Margarete und Sylvester. Letzterer amtiert in Altbaiern als Patron der Bauern, Margarete ist als Heilige der Möser bekannt - Aubing lag ja, bis die großen Entwässerungsprojekte des 19. Jahrhunderts griffen, am Südrand des Dachauer Mooses.

Die beiden Seitenaltäre neben dem Chorbogen sind etwas später entstanden und bergen zwischen weinlaubumwundenen Säulen Gemälde von Johann Pichler (Meister der Zisterze Kaisheim)von 1675. Das linke Bild zeigt die Hl. Familie auf dem Weg nach Jerusalem und erinnert damit an die einstmals sehr verbreiteten Wandelandachten. Diese Tradition reicht auch in Aubing sehr weit zurück, denn Herzog Sigismund hat der Aubinger Kirche bereits 1486 ein "salve regina mit procession auf alle sambstag" gestiftet. Das rechte Altarblatt zeigt das Wunder des Hl. Sylvester.

Den künstlerischen Höhepunkt der Ausstattung von St. Quirin bilden zweifellos die etwas überlebensgroßen Holzplastiken von Christus Salvator und der Hl. Maria, der Apostel Petrus und Paulus im Chor und der übrigen Apostel im Langhaus. Die ungemein bewegten und aus drucksstarken Figuren entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie wurden von Pfarrer Johann Bernardin von Prugg bei dem Brucker Bildhauer und Maler Joseph Krenauer, dessen Werke in der Region recht verbreitet sind, in Auftrag gegeben. Die Meisterwerke wurden aus Anlass der 500-Jahrfeier der Kirchenweihe (1980) neu gefasst. Vergleichbares findet der Kunstfreund im weiten Umkreis nicht!

Beachtung verdienen aber auch die marmornen Epitaphien ehemaliger Aubinger Pfarrherrn: Joachim Schöftlmair (+1621), Joh. Bernh. von Prugg (+1714), Joh. Andreas Ziegler (+ 1744), Jos. Paul Sutor (+1785), über deren Viten uns die Tafeln reiche Informationen liefern. Den wohl originellsten Beitrag hat die Familie Gotzmann, aus der mehrere geistliche Herren hervorgegangen sind, mit ihrem ursprünglich al freso gemalten Epitaph aus dem späten 16. Jahrhundert über der Türe zum Oratorium hinterlassen. Diese dramatische Darstellung des Jüngsten Gerichts zeigt u. a. einen Kirchenmann, der allerdings nicht zur ewigen Seligkeit unterwegs ist, sondern ganz in der Gegenrichtung.

Der heutige, von einigen wenig vorteilhaften Zutaten des 19. Jahrhunderts befreite, auch denkmalpflegerisch höchst erfreuliche Zustand von St. Quirin ist dem Stilgefühl und dem Kunstsinn des ehemaligen Pfarrers Brem (1964-2001) zu verdanken. Wer bedauert, dass St. Quirin mit seiner überwiegend barocken Ausstattung etwas hinter seinen, in ihrer gotischen Ursprungsform erhaltenen, ehemaligen Filialkirchen St. Wolfgang in Pipping und der Blutenburger Schlosskapelle zurücktritt, dem sei zu bedenken gegeben, dass Veränderungen der Erscheinungsform einer Kirche auch immer ein Zeichen der lebendigen Anteilnahme der Gläubigen ist. Gerade daran hat es St Quirin nie gefehlt.

Herbert Liedl (Stand: 17.2.2013)

 

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