St. Quirin von Tegernsee, der Kirchenpatron
Patroziniumsfest am 16. Juni

Die Tradition, Gotteshäuser unter den Schutz eines heiligen Patrons zu stellen, ist fast so alt wie die Christenheit. In den ersten drei Jahrhunderten beschränkte man sich dabei auf heilige Märtyrer und die Kirchen, die ihre Reliquien hüteten. Im Mittelalter unterlagen die Kirchenpatrozinien durch neu aufkommende Heiligenkulte häufigem Wechsel, ja es gab regelrechte Moden, denen man folgte. Es ist bisher auch nicht gelungen, festzustellen, wann der Hl.Quirin nach Aubing fand, sodaß nicht auszuschließen ist, daß unsere Kirche schon einmal einen anderen Patron hatte. Die erste, bekannte Erwähnung des Patroziniums des Hl.Quirin stammt aus dem Jahre 1448. Es gibt auch noch andere heilige Märtyrer dieses altrömischen Namens, die aber überwiegend in den rheinischen Diözesen verehrt werden.

Der Hl. Quirin von Tegernsee ist seit jeher mehr von Legenden umwoben, als daß er mit hagio-graphischen Quellen und der in unserer Zeit so geschätzten, wissenschaftlichen Akribie belegbar wäre.

Der Hochaltar von St. Quirin mit dem Kirchenpatron

Der Römer Quirinus, der „schon viele Schläge für den Namen Christi erduldet hat“ wurde im Zuge der Christenverfolgungen unter Kaiser Claudius Gothicus (219–270 n.Chr., an der Pest gestorben) eingekerkert, wo er von Mitgliedern der christlichen Gemeinde Roms aufgefunden und betreut wurde. Als Kaiser Claudius befahl, gefangene oder aufgegriffene Christen hinzurichten, starb Quirinus durch Enthauptung mit dem Schwert. Sein in den Tiber geworfener Leichnam wurde an der Insel Lykaonia, wohl mit der Tiberinsel San Bartolomeo zu identifizieren, angeschwemmt. Er wurde von Glaubensbrüdern in den Katakomben des Papstes Pontianus (Pontificat 230 – 235 n.Chr.) beigesetzt.

Als um die Mitte des 8. Jahrhunderts die Brüder Adalbert und Otkar aus der adeligen Sippe der Huosi das Kloster Tegernsee gegründet hatten, pilgerten sie (andere Quellen sprechen von ihrem Neffen, dem Mönch Eio) nach Rom um den Papst um Reliquien für ihre Gründung zu bitten. Papst Leo III. übergab ihnen die Gebeine des Hl. Märtyrers Quirin und des Hl. Arsatius. Bereits auf der Reise von Rom an den Tegernsee war St. Quirinus wundertätig. Unter anderem brach an der Stelle, an der die Boten die Trage niedersetzten, eine heilwirksame Quelle hervor. An dieser Stelle wurde später die Kirche St. Quirin (zwischen Gmund und Tegernsee), die einen Ziehbrunnen birgt, gebaut. Noch heute waschen sich Pilger mit diesem Wasser die Augen. Am 16. Juni 804 wurden die Reliqien des Hl. Quirin in der Klosterkirche zu Tegernsee beigesetzt. Dabei soll ein Teil seines Leibes so frisch geblutet haben, als ob er eben erst verschieden wäre. Um das Jahr 1430 wurde am Westufer des Tegernsees ein Erdölquelle entdeckt, deren Öl für Heilzwecke verwendet wurde. Die wundersame Wirkung auf Mensch und Tier wurde dem Hl. Quirin zugeschrieben. In den folgenden Jahrhunderten gingen mehrere starke Quirinskulte über das bayerische Land. Der Reliquienschatz ist auf dem Altar der Quirinskapelle der ehemaligen Klosterkirche, die heute die Pfarrkirche von Tegernsee ist, zu sehen. Unter einem Glasbehälter, der in kostbarer Stickerei das Haupt birgt, ruhen die in Silber gefaßten Hände des Heiligen.

Spätere, wohl legendäre Ausschmückungen der Quirinsvita sahen den Heiligen als Sohn des christlichen Kaisers Philippus Arabs. Seither wird St. Quirin meist in römischer Rüstung mit den ikonologisch nicht so recht zusammengehenden Attributen Krone, Szepter, Reichsapfel, Schwert und dem Palmzweig des Märtyrers dargestellt. Die nach dem 30-jährigen Krieg mit dem Hochaltar in die Aubinger Kirche gekommene Quirinusfigur eines bis heute unbekannten Meisters jedenfalls hat das Kriegswerkzeug hinter sich auf dem Boden deponiert, was ihn uns zu einem Bewahrer des Friedens macht. So wacht er denn in seiner nicht von allen Gläubigen geschätzten, barocken Pracht in guten, wie in schlechten Zeiten über seine Aubinger Schäflein, gab und gibt ihnen Trost und Hoffnung und wurde nicht zuletzt für viele Aubinger auch zum Namenspatron.

Herbert Liedl

Der Hochaltar von St. Quirin zu Ehren des Hl. Quirin

Auf das Jahr 1668 ist der Hochaltar unserer Pfarrkirche datiert. So jedenfalls kann man es im Auszug auf einem Medaillon lesen. Ob es sich bei dieser Jahreszahl um das Entstehungsjahr oder das Jahr der Aufstellung in der Pfarrkirche handelt, mag dahin gestellt sein. Bewunderung aber ruft schon hervor, dass die Pfarrei kaum zwanzig Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, der auch den Aubingern viel Leid und finanzielle Sorgen brachte, einen solch prächtigen Altar in Auftrag geben und auch abbezahlen konnte.

Pfarrer Martin Reiter war es, der zu dieser Zeit residierte und der dem Kirchenpatron St. Quirin eine würdige Darstellung verschaffen wollte. Denn St. Quirin war ja schon vor der Kirchweihe im Jahre 1489 der Patron unserer Pfarrkirche. Seine früheste urkundliche Namenserwähnung finden wir in einer Urkunde von 1486, in der Herzog Sigmund ein Salve Regina für den “lieben heiligen Sand Quirein zue Aubing vnd sein gotzhaus daselbs“ stiftet. Ob es vor dem heutigen Hochaltar schon einen Quirinsaltar als Vorgänger im Chorraum gegeben hat, ist nicht bekannt. Die zugemauerte Fensternische hinter dem heutigen Hochaltar lässt vermuten, dass im Presbyterium ein filigraner gotischer Altar mit hohem, geschnitztem Zieraufsatz und möglicherweise sogar mit einem Quirinsbild oder einer Quirinsfigur stand. Der hier oft genannte Ursulaschrein scheidet als Hochaltar aus verschiedenen Gründen aus.
Im Zusammenhang mit der Altaraufstellung sind möglicherweise zum Ende des 17. Jahrhunderts die alten Fresken im Altarraum übertüncht worden. Von ihnen ist im Altarraum nur noch die Darstellung des Jüngsten Gerichtes über der linken Sakristeitür zu sehen.

Welcher Künstler unseren Hochaltar schuf, ist urkundlich nicht nachzuweisen. Man darf aber mit einiger Sicherheit annehmen, dass es Constantin Pader (1605? – 1681) war; ein Dachauer Bürger, der im alten Landgericht Dachau und weit darüber hinaus als außerordentlich produktiver Bildhauer wirkte. Er war kurfürstlicher Baumeister und Bausachverständiger des Geist­lichen Rates. Nach Zerstörung seines Hauses in Dachau 1632 durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg ging er nach München, wo er 1636 als Meister in die Zunft aufgenommen wurde. Von dort aus belieferte er weiterhin die Kir­­chen des Dachauer Landes. Ein Entwurf für einen Seitenaltar in Wiedenzhausen (siehe Skizze!) mag ein Hinweis auf den Bildhauer unseres Hochaltars sein, weist er doch eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Aufbau und der Gestaltung unseres Aubinger Hochaltars auf.

St. Quirin steht als Kaisersohn, ganz in Gold gefasst, wie in einem Triumphbogen in der Altarmitte zwischen zwei mächtigen, senkrecht gefurchten Säulen.
Der heilige Quirin von Tegernsee soll unter Kaiser Claudius Gothicus im Jahre 269 in Rom seines Glaubens wegen verhaftet worden sein. Als Kaiser Claudius befahl, die gefangenen Christen hinzurichten, war auch Quirinus dabei. Er wurde mit dem Schwert enthauptet. Sein in den Tiber geworfener Leichnam wurde an einer Tiberinsel angeschwemmt und von Glaubensbrüdern in den Katakomben des Papstes Pontianus beigesetzt. Eine spätere Legende machte ihn zum Sohn des Kaisers Philippus Arab. Daher auch die Darstellung als Kaisersohn mit den Kaiserinsignien. Die Legende wurde später mit dem bairischen Kloster Tegernsee in Verbindung gebracht, wohin zwei bayerische Grafen im Jahr 746 seine Reliquien als Geschenk des Papstes in die von ihnen gestiftete Salvatorkirche in Tegernsee überführten.

Ausgestattet also mit den mittelalterlichen Kaiserinsignien, der Krone, dem Szepter, dem Reichsapfel und dem Zeremonienschwert bildet er den markanten Mittelpunkt unseres Hochaltars. Zu seinen Füßen sieht man auch noch seinen Helm mit prächtiger Helmzier. Wie einst Wallenstein trägt er den typischen Oberlippenbart eines Feldherrn aus dem Dreißigjährigen Krieg. Sein Haupthaar fällt schulterlang herab. Zwei Putten verherrlichen ihn. Über seinem Haupt ist das in den 60-er Jahren freigelegte Altarbild mit der Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit zu sehen. Ein Motiv, das in ähnlicher Form auch auf den beiden Seitenaltargemälden wiederkehrt. Bei der Renovierung in den 60-er Jahren wurde das Podest mit den Figuren des Hl. Quirin und der beiden Engel um ca. 40 cm gekürzt, damit die Hl. Dreifaltigkeit besser zur Geltung kommt.

Zwei Heiligenfiguren flankieren den Kirchenpatron St. Quirin. Es sind die Bauernheiligen St. Margarete und St. Silvester.

St. Margarete
Als eine der vierzehn Nothelfer wird sie besonders als Fürsprecherin in Frauennöten verehrt. Sie gilt als Schutzpatronin der Schwangeren, Gebärenden und der Verwundeten.
Jedem Kind war sie früher als eine der drei heiligen Frauen in dem Spruch bekannt: „St. Margret mit´m Wurm, Barbara mit´m Turm und Katharina mit´m Radl: Dös san die drei heiligen Madl.“
Der Überlieferung nach soll der Stadtpräfekt von Antiochien die Schäferin Margarete wegen ihrer Schönheit begehrt und sie zum Abfall von ihrem Glauben gedrängt haben. Da sie das Begehren zurückwies, steckte er sie ins Gefängnis und ließ sie deswegen foltern und später sogar enthaupten. Im Gefängnis war ihr ein riesiger Drache („der verwandelte Stadtpräfekt“) erschienen, um sie zu verschlingen. Das Kreuzzeichen, das sie schlug, rettete sie jedoch. Auf dem Weg zur Hinrichtung betete sie für ihre Verfolger und alle diejenigen, die sich in Zukunft an sie wenden würden, vor allem aber für Schwangere und Gebärende. Entsprechend der Legende wird die Nothelferin Margarete mit Martyrerkrone, Kreuz, Schwert und Lindwurm dargestellt. Für die Bauern begann früher am Margaretentag (20. Juli) die Ernte.

St. Silvester
Er war der erste heilige Papst, der nicht das Martyrium erlitten hat. Sein Amt trat er als römischer Bischof im Jahr 314 an, ein Jahr, nachdem die römischen Kaiser im Jahre 313 die christliche Kirche anerkannt und im Edikt von Mailand jedem Bürger des Reiches das Recht auf freie Religionsausübung gewährt hatten. In Überlieferungen wurde dies oft als Leistung Silvesters gedeutet und verfälscht. Sein eigenes Wirken hat dazu wenig beigetragen.
Eine Legende, die auch auf dem Altarbild des rechten Seitenaltares dargestellt ist, erzählt von einem Streitgespräch, das Silvester mit zwölf Rabbinern geführt haben soll. Silvester obsiegte im Disput gegen elf der gelehrten Juden; der zwölfte aber tötete einen Stier nur durch die Nennung des Namens Gottes. So wollte er die Kraft seines Glaubens beweisen. Silvester aber konnte mit Gottes Hilfe diesen toten Stier wieder zum Leben erwecken. Der Stier gehört deshalb neben der Papstkrone zu den Attributen, mit denen der Heilige stets dargestellt wird. Die drei Reifen am Hirtenstab und der Krone, Tiara genannt, symbolisieren die Hauptaufgaben des Papstamtes: Heiligen, Lenken und Lehren.
Silvester wird als Patron der Haustiere, sowie für eine gute Futterernte und ein gutes neues Jahr verehrt. Sein Gedächtnis wird von der römisch-katholischen Kirche an seinem Todestag, dem 31. Dezember, gefeiert. Dieser Tag wird deshalb auch Silvester genannt.
Über diesen drei Hauptfiguren auf dem Auszug zwischen zwei blauen Säulen segnet ein gütiger Gottvater mit der Weltkugel in der Hand die Gemeinde. Zwei Engel jubilieren ihm auf den Bogenansätzen zu. Den Abschluss des Hochaltares nach oben bilden das schon erwähnte Medaillon mit der Jahreszahl 1668 und das Christusmonogramm IHS mit einem Flammenherz im Strahlenkranz.

Siegfried Bschorer

Aubing und das Kloster Tegernsee

Das gemeinsame Patronat vom Hl. Quirin hat von alters her ein enges Band zwischen dem wohl schon im 8. Jahrhundert gegründeten Kloster Tegernsee und dem Dorf Aubing geknüpft. Der in Altbayern nicht mehr sehr verbreitete, frühchristliche Heilige ist wohl auch der Anlass für die offenkundig mit dem ewigen Leben gesegnete Legende, die Aubinger Ortskirche, wenn nicht gar das ganze Dorf Aubing seien Gründungen tegernseeischer Mönche.

Die Mär findet indessen in den historischen Realitäten keine Bestätigung.

Da es für die Aubinger Kirche keine Hinweise auf eine Gründung durch einen wie immer beschaffenen Ortsadel, eine sog. Eigenkirche gibt, erscheint eine Gründung im Zuge der Binnenkolonisation des Landes durch eines der frühen bairischen Klöster in der Tat recht wahrscheinlich. Voraussetzung für solche Gründungen waren der Besitz von Grund und Boden und von Bauernhöfen, die in der Lage waren, einen oder mehrere Priester zu ernähren. Der Besitz kaum eines der früh- und hochmittelalterlichen Klöster des damaligen Bayern ist so gründlich erforscht, wie der Tegernsees. Zuverlässige Quelle für den Altbesitz der Klöster sind die sog. Entfremdungslisten des 10. und frühen 11. Jahrhunderts. Dort listeten die Klöster ihre zur Finanzierung der Abwehr der zahlreichen Ungarneinfälle in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts säkularisierten (d.h. enteigneten) Güter auf und forderten deren Restitution (Rückgabe) ein. Die Benediktiner von Tegernsee glänzten bei der Aufzählung ihnen entfremdeten Besitzes nicht gerade durch Zurückhaltung – sie meldeten den Verlust von über elftausend(!) Hufen (=Höfe) in etwa siebzig Orten an! Soviel Besitz hatte kein Kloster im ganzen Reich, ganz abgesehen davon, dass diese Menge in den genannten Dörfern gar nicht unterzubringen gewesen wären. Und dennoch – von Aubing keine Spur. Auch in dem übrigen, umfangreichen, gut erschlossenen und erforschten, Tegernsee betreffenden Archivalienbestand (Traditionsbücher, Urkunden usw.) in den bayerischen Archiven findet sich kein noch so geringer Hinweis auf eine Verbindung zwischen Aubing und Tegernsee. Auch die geografische Betrachtung des Tegernseeischen Besitzes um das Jahr 1000 ist wenig hilfreich, wir finden ihn fast ausschließlich östlich der Isar. Derzeit sind für die Jahre 1010 bis 1330, letzteres ist das Jahr der Vergabung des Herzogsgutes zu Aubing an das durch Kaiser Ludwig den Bayern gegründete Kloster Ettal, rund einhundert Urkunden, in denen Aubing und/oder Aubinger erwähnt sind, bekannt. Tegernsee? – Fehlanzeige! Es gilt heute als ausgeschlossen, dass gerade ein Benediktinerkonvent in einem Ort tätig geworden ist, wie man das Tegernsee und Aubing zuschreibt, ohne dass sich das auf Pergament oder Papier niedergeschlagen hätte.

Auch der Bezug auf den gemeinsamen Kirchenpatron ist nicht hilfreich, weil wir nicht wissen, wann St. Quirin auf den Aubinger Altar gefunden hat. Das Mittelalter folgte bei Kirchenpatrozinien in einem Ausmaß, das wir uns heute nicht mehr vorstellen können, Kultwellen und Moden. Erst im Jahre 1486 finden wir St. Quirin in Aubing urkundlich erwähnt, als Pfarrer Friedrich Rorstorfer und seine Kirchpröbste feierlich den treulichen Vollzug einer Salve-Regina-Stiftung durch Herzog Sigismund beschwören.

Die Quellenlage spricht indessen deutlich für eine „Abstammung“ der Aubinger Kirche von dem in der Nähe von Weilheim in der Diözese Augsburg gelegenen Kloster und späteren Stift der Augustinerchorherren Polling.

Polling statt Tegernsee – dem Hl. Quirin wird’s recht sein und er seine schützende Hand auch künftig über Aubing und die Aubinger halten.

Herbert Liedl

Literatur zum Thema:
Ludwig Holzfurtner, Gründung und Gründungsüberlieferung der bayerischen Klöster der Agilolfingerzeit, Kallmünz 1984
Ludwig Holzfurtner, Studien zur Besitzgeschichte des Klosters Tegernsee im frühen Mittelalter, St. Ottilien 1992
Ludwig Holzfurtner, Gloriosus Dux, Studien zu Herzog Arnulf von Bayern, München 2003
Wilhelm Beck, Tegernseeische Güter aus dem 10. Jhdt., Archivalische Zeitschrift 20, 1914

 

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