Der Ursulaschrein von 1499

Ursulaschrein

Einer der bemerkenswertesten und ältesten Kunstschätze unserer Kirche ist sicher der sogenannte Ursulaaltar im rückwärtigen Teil der Kirche. Es handelt sich dabei um einen Holzschrein mit fünf Figuren: die heilige Ursula und ihre Gefährtinnen, die als 2/3 Relief ausgeführt sind. Rechts unten auf dem Sockel ist die Jahreszahl 1499 zu lesen. Zehn Jahre nach der Einweihung unserer Kirche entstanden, in einer Zeit, die immer noch geprägt war von Mystik, Schaufrömmigkeit und großer Heiligenverehrung, sehen wir heute nur mehr den Mittelteil eines sicherlich ursprünglich dreiteiligen Flügelaltars. Die beiden (wahrscheinlich bunt bemalten) klappbaren Seitenflügel sind nicht mehr vorhanden, ebenso der Altaruntersatz und der obere Abschluss.

Wie des Öfteren wissen wir auch hier nicht, wann und wie dieser Altar in unsere Kirche gekommen ist. Da bereits Jahrzehnte zuvor nachweisbar die Kirche von Aubing dem Hl. Quirin geweiht war, und auch in den vorhandenen Pfarr­archivalien sowie Inventarlisten aus den folgenden Jahrhunderten nie ein Altar oder Schrein der Hl. Ursula erwähnt wird, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass ein kunstsinniger Aubinger Pfarrherr diesen Altar erst viel später erworben hat (immer wieder wurden Kirchen dem Zeitgeschmack entsprechend modern umgestaltet und deshalb die alten Altäre verkauft). 1899 jedenfalls ist im Pfarrarchiv erstmals der gotische Schrein an der Nordwand der Kirche erwähnt, der damals dringend einer Renovierung bedurfte. Die Kirchenverwaltung hatte dafür jedoch keine Mittel übrig und erwog deshalb sogar den Verkauf. So heißt es in dem damaligen Protokoll: „… Am liebsten würden wir das Bild (!) verkaufen und da es auf 5.000 M(ark) geschätzt wird, um 3.000 oder auch 2.500 M(ark) ablassen. …“ Überhaupt scheint der Zustand nicht zum Besten gewesen zu sein, so fehlten Kronen, Hände und Attribute. Erst im Kostenvoranschlag dazu wurde festgehalten, dass dies ein Ursulaschrein sei, denn bei den fehlenden Attributen handele es sich vermutlich um Pfeile.

Glücklicherweise erfolgte die Renovierung dann doch noch – sogar auf Staatskosten. Lediglich die Transportkosten hatte die Kirchenverwaltung zu tragen. Soweit das uns bekannte Geschichtliche dazu. Doch um was für eine Heilige handelt es sich hier?
Ursulas Existenz ist historisch nicht belegt. Ihre Lebensgeschichte beruht ausschließlich auf Legenden, vor allem aus dem 10. Jahrhundert, die in den folgenden gut 200 Jahren zu einer Dichtung mit märchenhaften Zügen erweitert wurden. Dabei wurden Beziehungen eingeflochten, die von Griechenland über Sizilien, Basel und Rom bis nach England reichten.

Angeblich war sie eine Königstochter aus der Bretagne, die Jungfräulichkeit gelobt hatte. Der heidnische König von England will sie als Frau für seinen Sohn gewinnen. Um einen möglichen Krieg zu verhindern, stimmt Ursula unter der Bedingung zu, dass der Königsohn zum Christentum übertritt und ihr bis zur Hochzeit eine Frist von drei Jahren gewährt wird. In dieser Zeit begibt sich Ursula mit einigen königlichen Begleiterinnen – es sollen elf gewesen sein – auf eine Pilgerreise per Schiff auf dem Rhein über Köln, Basel, und von dort zu Fuß bis nach Rom zum Papst. Auf der Rückreise gelangen sie wieder nach Köln, das gerade von den Hunnen belagert wird. Diese fallen hinterrücks wild über ihre Begleiterinnen her und töten sie grausam. Ursula bleibt allein übrig. Der Hunnenfürst begehrt sie für sich und erschießt schließlich die sich standhaft Weigernde mit seinem Pfeil. Daraufhin erscheint ein Heer von Engeln, das die Hunnen in die Flucht schlägt. Zum Dank für die Befreiung errichten die Kölner Bürger der Ursula und ihren angeblich nun 11.000 Begleiterinnen – diese Zahl geht wohl auf einen Lesefehler zurück – eine Kirche, machen sie zu ihrer Schutzpatronin und nehmen sie sogar in ihr Stadtwappen auf.
Ursula ist Patronin der Tuchhändler, Lehrerinnen sowie der Universitäten Paris und Coimbra (Portugal). Auch als Helferin zu einer guten Heirat war sie geschätzt.
In der Zeit, in der unser Altar entstanden ist, war es längst üblich, bewegte Szenen mit Hintergrund zu schnitzen. Der Ursulaaltar wurde aber noch im alten Stil geschaffen. In strenger Ordnung, frontal aufgereiht, fast statisch, stehen die Heiligenfiguren. Ihre Gesichter sind idealisiert, edel dargestellt mit verhaltenem Ausdruck, wesensgleich untereinander.

Hier wird die Heilige nicht als einzelner Mensch gezeigt, als ein Individuum mit eigenem Gesicht, das vom Leben geprägt ist, sondern vielmehr wirken diese Frauen wie überirdische Wesen, die trotz ihres Martyriums – das nicht an ihnen zu erkennen oder auch nur angedeutet ist – bereits in andere Sphären entrückt sind. Nur ihre unterschiedliche Größe läßt ihre Verschiedenartigkeit erahnen. In gepflegten Wellen fallen ihre Haare herab, bekrönt sind sie alle mit der gleichen Krone. Dazu schon fast im Kontrast scheint der starke Faltenwurf ihrer Mäntel zu stehen, der halb schützend jeweils hochgehalten wird. Übergreifend, gleichsam zusammenfassend mit geschnitzten eleganten großen und kleinen goldenen Bögen mit vielen Seitenverästelungen, dem sogenannten Gesprenge, erfolgt der obere Abschluss über den gekrönten Häuptern.
Auch die Rückwand des Schreins ist künstlerisch bearbeitet, das heißt als Bild gestaltet. Dort ist Jesus als Auferstandener zu sehen umgeben mit den Leidenswerkzeugen (Geißelsäule, Essigstab, Kreuz etc.). Beachtenswert dabei ist, dass über die ganze Rückseite verstreut Schriftzeichen verschiedenster Personen aus dem 16. Jahrhundert eingeritzt sind, vermutlich von Handwerkern (unter ihnen ein Georg Manser aus Maisach, 1581).

Wäre noch zu fragen, weshalb nur vier und nicht elf Begleiterinnen dargestellt sind? Darüber läßt sich nur spekulieren, eventuell waren die fehlenden auf den Seitenflügeln zu sehen. Oder die überlieferte Zahl war nicht bedeutsam genug und mit der Darstellung der vier war die Symbolik der Ganzheit, der (göttlichen) Ordnung angesprochen (vier Himmelsrichtungen, Elemente, Evangelisten) wenngleich die Fünf auch an die fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen aus der Bibel erinnert. Doch Genaueres lässt sich dazu nicht sagen.
So stellen die fünf heiligen königlichen Frauen dem damaligen Glaubensverständnis nach in ihrer demutsvollen aber auch aufrechten Haltung einen glanzvollen bildlichen Hinweis auf die himmlische Erlösung dar – im Gegensatz zu einer bäuerlichen, armen und harten Lebenswelt.

Wir dürfen uns darüber freuen, dass sie im Juli nach fast einem Jahr, frisch restauriert zu uns zurückkehren und uns wieder zur Meditation anregen.

Walter Niedhammer, Archiv St. Quirin

Die Rückseite des Ursulaschreins

Der Ursulaschrein aus dem Jahre 1499 ist der künstlerisch wertvollste Gegenstand in der Aubinger Pfarrkirche St. Quirin. Leider ist der direkte Zugang zu diesem Schrein durch ein schmiedeeisernes Gitter verhindert und damit auch die kunsthistorisch bedeutsame Rückseite für die Gottesdienstbesucher nicht sichtbar. Dass dieses Gitter – eine Arbeit des Aubinger Schmiedmeisters Jakob Mayr aus den 1980er Jahren - notwendig ist, beweist der Kirchenraub vom Juni 1942, als eine der Figuren unter Anwendung von Gewalt von der hölzernen Rückwand gerissen und entwendet wurde. Erst 1951 kam sie leicht beschädigt wieder zurück.

Ursulaaltar Rückseite

Das ganze Kirchenjahr über ist also für die Kirchenbesucher ausschließlich die Vorderseite mit den Figuren der Hl. Ursula und vier ihrer Gefährtinnen zu sehen. Nur bei besonderen Anlässen und Kirchenführungen wird das Gitter geöffnet. Und nur dann kann die Rückseite dieses Schreines, der mit den nicht mehr vorhandenen Flügeln Teil eines sogenannten Umgangsaltares war, genauer betrachtet werden.

Für die Fastenzeit und Osterwoche wurde der Schrein auch heuer wieder gewendet, sodass zu dieser Zeit für jeden Kirchenbesucher die Betrachtung der Rückseite ganz aus der Nähe möglich ist.

Die Rückseite des Schreines ist über die ganze Fläche bemalt und zeigt Christus als Schmerzensmann und gleichzeitig aber auch als den siegreich Auferstandenen umgeben von den „Arma Christi“, den Leidenswerkzeugen Christi wie z.B. Geißelsäule, Dornenkrone, Kreuznägeln, Geißeln, Ruten, Spottzepter, Rohrstücken. Solche Darstellungen sind seit dem späten Mittelalter bekannt.

Zweimal ist auf dem Ursulaschrein die Jahreszahl 1499 zu sehen: Auf der Vorderseite rechts unten ziemlich klein und schwierig zu entziffern, dann aber groß und sehr gut sichtbar in der oberen Mitte der Rückseite in schlanker, graziler Frühkapitalis-Schrift. Die Ziffer 4 ist dabei wie damals üblich als halbe 8 geschrieben. Man kann also davon ausgehen, dass der Schrein in diesem Jahr entstanden ist. Künstler und Entstehungsort bleiben aber weiterhin im Dunkeln.

Von weit her, wenn er nicht immer schon in Aubing war, kann der Schrein nicht gekommen sein, denn auf der Rückseite hat im Jahre 1581 ein Georgius Manser aus Maisach zusammen mit seinem Namen den Spruch eingeritzt „Op(er)e Dei q(uam)vis q(uo)dvis potest“ (Mit Gottes Wille ist alles möglich). Weitere acht Personen, wahrscheinlich Handwerker, haben sich auch mit Namen und Datum auf der Rückseite verewigt.

Der Schrein dürfte als Kauf oder Geschenk nach Aubing gekommen sein. Dort war er lange Zeit wahrscheinlich kaum beachtet auf der nördlichen Kirchenschiffseite in die Wand eingelassen und damit war auch die Rückseite jahrelang nicht zu sehen.

Erst im Jahre 1899 wurde eine dringende Konservierung angemahnt. Der Schrein sollte aus der Wand gelöst und dem Nationalmuseum zur kostspieligen Restaurierung überbracht werden. Vorher erwog die Kirchenverwaltung sogar auf Grund besonderer Schwierigkeiten beim Abnehmen und Konservieren den Verkauf des Schreines. „Am liebsten würden wir das Bild verkaufen und, da es auf 5000 Mark geschätzt wird, um 3000 oder 2500 Mark ablassen.“ Dieser Verkauf kam Gottseidank nicht zustande. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde der Schrein mehrmals (teils wenig fachmännisch) von Kirchenmalern behandelt.

Schließlich wurde im Jahre 2010 in Zusammenarbeit mit dem Kunstreferat der Erzdiözese der Ursulaschrein mit viel Sachverstand, Sorgfalt und Liebe zum Detail wieder in den nach heutigem Wissen ursprünglichen Zustand gebracht. Die Rückseite des Schreines wurde nur konserviert.

So können die Aubinger weiterhin die Verehrung der Hl. Ursula und ihrer Begleiterinnen pflegen und speziell in der Fasten- und Osterzeit die Rückseite dieser kunsthistorisch wertvollen Arbeit ganz aus der Nähe betrachten.

Siegfried Bschorer, Archiv St. Quirin

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