Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob

Liebe Gemeinde,
als ich vor einem Jahr zum Gottesdienst aus Anlass des Mitarbeiterempfangs durch den Haupteingang in die Kirche eingezogen bin, war über dem Eingang bereits das neue Jahresmotto für 2014 befestigt. Die Pfarrgemeinderäte von  St. Michael und St. Quirin hatten sich gemeinsam dafür entschieden.   "Im Miteinander liegt die Zukunft" sollte als Wegweiser zur Bildung des Pfarrverbands dienen.

Im Rückblick ist, so meine ich, innerhalb der vergangenen 12 Monate vieles ganz gut gelungen, manches bedarf der Nachbesserung oder Überarbeitung und dann gibt es auch das ein oder andere, was noch einmal überdacht werden sollte oder vielleicht überhaupt erst angedacht werden muss. Eines ist bei alldem klar, ohne die Unterstützung und Mitarbeit vieler Gemeindemitglieder, ohne die Bereitschaft sich auf Neues einzulassen, ohne die Offenheit der Gemeinde  für notwendige Veränderungen wäre dies alles nicht möglich gewesen.  Und so möchte ich Ihnen allen an dieser Stelle von ganzem Herzen danken  für Ihr Engagement in den verschiedensten Bereichen unserer Gemeinde  und in unserem Pfarrverband.

Auch heute bin ich zum Gottesdienst, den wir zum gleichen Anlass feiern, wieder durch den Haupteingang eingezogen. Nach Diskussionen in den beiden Pfarrgemeinderäten hat der inzwischen berufene Pfarrverbandsrat noch einmal dasselbe gemeinsame Jahresmotto gewählt mit dem Wunsch einer Intensivierung, bzw. Konkretisierung.

Allerdings drängten sich mir heuer im Gegensatz zum letzten Jahr Gedanken auf, die deutlich über die Bildung eines Pfarrverbands hinausgehen und die damit verbundenen Probleme klein erscheinen lassen.  Wenn wir die Ereignisse in unserer Welt in den vergangenen Monaten und, als eine vermutlich erste Spitze im neuen Jahr, das Geschehen der letzten beiden Tage in Paris nehmen, dann wird schnell klar, dass ohne Miteinander nicht nur Aubing oder Lochhausen, München, Deutschland oder Europa, nein eigentlich die Menschheit keine wirkliche Zukunft haben.

Was können wir hier in St. Quirin oder St. Michael nun in dieser Situation tun?
Vielleicht könnte die Konkretisierung des Jahresmottos durch die ökumenische Jahreslosung für 2015, die dem Römerbrief entnommen ist, ein Anhaltspunkt für uns sein. "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob."
Dieser Aufruf des Paulus an die Gemeinde in Rom zur Einmütigkeit, passt sehr gut in unsere jetzige Zeit mit ihren Problemen und Herausforderungen.

Das Miteinander hat es nicht leicht, wenn wir über unseren eigenen Tellerrand hinausschauen. Da werden weltweit Menschen verfolgt wegen ihres Glaubens, müssen vor Gewalt und Bürgerkrieg aus ihrer Heimat auf mehr als unsicheren Wegen, ohne Hab und Gut, fliehen, oft unter Bezahlung hoher Geldbeträge.
Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg sind mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht, davon viele Kinder und Jugendliche.  Eine größer werdende Zahl kommt jetzt auch nach Deutschland.  Wie aber werden sie hier aufgenommen? Sind sie wirklich willkommen?  Wie offen ist unsere Gemeinschaft, unsere Gesellschaft für diese Menschen?

Die Demonstrationen von Pegida und die Gegendemonstrationen zeigen,  wie unterschiedlich die Meinungen sind. Von einem Miteinander kann bei den daran Beteiligten keine Rede sein. Vielleicht wäre hier gerade das gemeinsame Gespräch notwendig, wie es in der vergangenen Woche in Dresden versucht wurde, um den anderen zu verstehen in seinen Ängsten und Sorgen, oder auf der anderen Seite auch in seiner Offenheit und Zuversicht.

Laut einer Veröffentlichung in der vergangenen Woche des Religionsmonitors zum Islam im Rahmen einer Studie der Bertelsmannstiftung  lehnt mehr als die Hälfte der Deutschen  Muslime und den Islam zunehmend ab.  61 Prozent sind der Auffassung, der Islam passe nicht in die westliche Welt, 57 Prozent sehen ihn als Bedrohung.

Durch Terrorakte wie in Paris wird dieses Gefühl erheblich verstärkt und gleichzeitig die große Mehrheit friedlicher  Muslime in unserem Land ins Abseits gedrängt.  Das Miteinander, das den Menschen Zukunft schenkt, rückt dadurch in weite Ferne. Die Rettung vor der vermeintlichen Gefährdung des immer noch als christlich geltenden Abendlandes wird dann aber oft mit wenig christlichen Mitteln betrieben.

"Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat."  Zum Angenommen Sein gehört die Liebe, wie Jesus sie uns vorgelebt hat.  Es ist die Liebe, die im andern trotz Fehler und Schwächen, trotz des anders Seins den Bruder oder die Schwester sieht. Sie teilt die Menschen nicht ein  in Gute und Böse, sondern sieht sie alle gleich vor Gott.

Wenn wir aus lauter Angst vor den Gefahren, denen unsere Welt durch den sich ausbreitenden Dschihadismus derzeit ausgesetzt ist, meinen, da helfe nur Abgrenzung, Feindseligkeit, Gegengewalt, Ablehnung, Misstrauen oder Hass, dann würden wir genau das preisgeben, wofür Jesus bereit war zu sterben, für die Liebe.

"Im Miteinander liegt die Zukunft". Ich denke, dieses Miteinander sollten wir in diesem Jahr erneut ganz  bewusst als gemeinsame Aufgabe für unseren Pfarrverband sehen - ,  erweitert um das Bemühen,  das Miteinander auch mit den Menschen zu suchen,  die auf unser Angenommen Sein besonders angewiesen sind,  die sich bei uns Zuflucht und eine Perspektive für ihr Leben erhoffen,  die sich eine Gemeinschaft wünschen, in der sie sich als Gottes geliebte Töchter und Söhne erfahren, unabhängig davon, ob sie dem christlichen Glauben angehören oder nicht.

Abschließend möchte ich Ihnen von einem kleinen Weihnachtserlebnis berichten, das vermutlich für die meisten von Ihnen unbemerkt blieb,  für mich aber eines der schönsten Geschenke war.

Am Nachmittag des 23. Dezember erhielt ich einen Anruf von einer jungen Frau, die im ehemaligen Hotel Pollinger eine größere Anzahl minderjähriger Flüchtlinge betreut. Sie wollte mit den Jugendlichen den Heiligen Abend nach unseren Gepflogenheiten schön feiern: Christbaum, ein gutes Essen, gemütliches Zusammensitzen und der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes. Ihre Frage an mich: ob es denn möglich sei, in St. Quirin in die Kirche zu gehen  und ob sie bei uns willkommen wären. Nach einem kurzen Besuch bei den Jugendlichen war klar, sie werden die Christmette um 17.30 Uhr in St. Quirin besuchen.  Dabei war zu spüren, dass sie sich darauf freuten, an diesem für Deutsche so wichtigen Fest ein bisschen teilhaben zu können, ein wenig Gemeinschaft zu erleben.  Keiner der 20 Jugendlichen, von denen nur einer Christ war,  alle anderen Muslime, wurde gezwungen, in den Gottesdienst zu gehen.  Nach der liturgischen Begrüßung wurden die Jugendlichen auf Englisch und Arabisch begrüßt. Man konnte ihre Offenheit, ihr Interesse und ihr Erstaunen für unsere christliche Feier und für die Kirche beobachten; nach dem Gottesdienst dann auch ihre Freude über die Weihnachtsschokolade, die sie mit in ihr neues Zuhause nahmen.  Es war nur ein kurzes Miteinander, aber ein guter und hoffentlich viel versprechender Anfang für eine gemeinsame Zukunft.

(Predigt beim Mitarbeitergottesdienst 2015)

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